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Tag: 19. Juni 2017

Jumping Jack

Jumping Jack

Hallo zusammen,

über einen ganzen Monat lang habt ihr jetzt nichts von uns gehört. Ich kann euch auch sagen woran das lag. Die Jakobs waren die letzten 3 Wochen bei uns und haben uns ständig auf Trab gehalten. Es war schon von Anfang an geplant, dass uns meine Familie (inklusive 2 Hunde) von San Francisco bis Las Vegas begleitet. Gestern hat meine Familie die USA wieder verlassen und wir haben uns entschieden noch 2 Tage in Las Vegas dranzuhängen bevor die Reise weitergeht. Über die gemeinsamen 3 Wochen werde ich euch aber erst die nächsten Tage berichten, sonst sitz ich hier nur am PC. Jetzt erzähl ich erstmal was wir vorher noch erlebt haben. Also in den 10 Tagen von meinem Geburtstag bis zum Familientreffen in San Francisco am 27.05.

Tja und anfangen muss ich mit unserem ersten Reisetief. Ich hätte nie gedacht, dass es sowas überhaupt gibt. Wir erleben fast täglich unglaublich schöne Dinge und können meist unser Glück kaum fassen, aber auf Vancouver Island bekamen wir einfach kein Gefühl mehr für das, was sich unseren Augen bot. Versteht mich bitte nicht falsch. Vancouver Island war in der Nachbetrachtung schön, aber während wir dort waren, stellte sich nicht ständig dieses Glücksgefühl unserer vorherigen Stationen ein. Das hat uns sehr irritiert und auch wenn wir uns gegenseitig immer wieder einredeten wie toll wir es haben, so brauchte es doch einige tierische Begegnungen, um unsere Akkus wieder aufzuladen. Aber der Reihe nach…

Mein Geburtstag war unser erster voller Tag in Victoria (Vancouver Island). Tina weckte mich mit einem liebevoll selbergekauftem Törtchen inklusive nicht angezündeter Kerzen. Der Gedanke zählt. ^^ Auch die Sonne spielte mit und so freuten wir uns sehr auf die geplante Tour aufs Meer. Es galt Wale zu beobachten. Dick eingepackt in wärmende Ganzkörperschwimmwesten verbrachten wir 4 Stunden auf dem Meer und hatten das Glück einen Buckelwal zu schmecken. Ja richtig gelesen, zu schmecken! Der Riese machte sich einen Spaß drauß alle umliegenden Boote zu inspizieren. Als er direkt neben unserem auftauchte, brachte ich meinen Mund nach dem ausgestoßenem „Wow“ nicht mehr rechtzeitig zu und so landete sein Atem-Schleim-Wasser-Gemisch direkt auf meiner Zunge. Auch Tina nahm eine kräftige Nase voll und wir können euch sagen, dass ein Wal nicht nach Rosen duftet. Trotzdem war es unbeschreiblich diesem eleganten Geschöpf so nahe zu kommen. Wir sahen auch noch eine Robbenkolonie und einen Seeotter gemütlich im Wasser treiben bevor es wieder zurück zum Hafen ging. Gestärkt nach einem leckeren indischen Buffet besuchten wir das Regierungsgebäude von British Columbia und waren die einzigen Zuschauer einer Aufführung zur Geschichte des Hauses. Danach ließen wir den Tag beim Basketballschauen in einer Sportsbar ausklingen. Es war ein toller Geburtstag, aber wir waren platt. Der Jetlag steckte uns tief in den Knochen und auch das Wetter (2 Tage Regen in Vancouver und max. 15 Grad auf Vancouver Island) machte uns zu schaffen. Wir sind es nicht mehr gewohnt müde zu sein und zu frieren. All das führte zu dem oben beschriebenen Gefühl der inneren Leere. Komischer Weise traf es uns beide zur gleichen Zeit und so waren wir uns weiterhin einig. ^^

Von Victoria sollte es mal wieder mit dem Mietwagen weitergehen. Ziel war Ucluelet, wo wir zwei Nächte übernachten und danach wieder nach Victoria zurück wollten. Der dortige Pacific Rim Nationalpark und das nahegelegene Tofino sind beliebte Urlaubsziele der Kanadier und vieler Kanadareisenden. Tofino haben wir nur zum Abendessen unter grauem Himmel gesehen und das „Wandern“ war dank des Wetters auch nicht von der Kategorie Neuseelands. Auch haben wir keine Bären, Wölfe oder Pumas gesichtet, die hier tatsächlich vorkommen. Andere Besucher unseres Hostels haben nämlich sowohl Wölfe als auch Bären gesehen. Wir haben dafür nach unserer Küstenwanderung im Hafen von Ucluelet Seelöwen beim Plantschen beobachten können. Die dicken Brummer tummelten sich nur so um die zurückkommende Fischerboote. Wir wollten ihnen unbedingt auf Augenhöhe begegnen und buchten kurzerhand eine Kajaktour für den Abend. Wir waren die einzigen für die Tour und so paddelten wir gemütlich mit Eric, unserem Kanadisch-Französischen-Guide, durch das Hafenbecken. Wir sahen viele Weißkopfseeadler, ein Otterpäärchen und die eben erwähnten Seelöwen. Einer versetzte uns einen gewaltigen Schreck als er fernab der Gruppe hinter unserem Kajak auftauchte und uns angrunzte. Die nun untergehende Sonne tauchte den Himmel in die tollsten Farben und wir machten unseren Frieden mit Vancouver Island.

Der absolute Durchbruch im Überwinden des Reisetiefs sollte aber am nächsten Tag kommen. Die Sonne schien und es wurde endlich warm. Zusätzlich hatten wir nochmal eine Waltour gebucht. Diesmal aber von Cowichan Bay aus. Dort ist die Chance Orcas zu sehen nahe 100 %, weil es sowohl ansässige Orcas als auch Transit-Orcas zu finden gibt. Tja und weil wir diese Insel nicht verlassen wollten ohne Orcas gesehen zu haben, nahmen wir das Geld nochmal in die Hand. Es war die beste Endscheidung seit Langem!!! Wir haben 2 Orca-Familien den ganzen Tag über begleitet. Unser Bootsführer wahrte immer den nötigen Abstand, um die Tiere nicht zu stören. Es sollte trotzdem so kommen, dass sie plötzlich neben unserem Boot auftauchten und eine Robbe erlegten. Wir waren zwei Orcas gefolgt, die plötzlich kehrt machten und im vollen Speed an uns vorbei Richtung Ufer schwammen. Dort hatte das große Orca-Männchen „Jack“ wohl was entdeckt. Als wir die Richtung änderten und den Motor abstellten, ging alles ganz schnell. Die vier Orcas der Familie machten kurzen Prozess unter Wasser und Jack feierte den Fang mit einem kerzengeraden Luftsprung direkt neben uns. Trotz der Trauer um die Robbe, überwogen die Glückgefühle, den schlauen Jägern der Meere so nahe gekommen zu sein.

Seit diesem Tag ist unsere Gefühlswelt wieder in Ordnung. Natürlich auch, weil das Wetter wieder besser ist und wir nicht mehr in einem 12-Betten-Schlafsaal mit lauter komischen, schnarchenden und unsauberen Leuten übernachten mussten. Das war nämlich in Ucluelet so und hat definitiv seinen Teil zu unserem Tief beigetragen. Anschließend hatten wir wieder Energie und Unternehmungslust und so machte uns unser nächster Fauxpas auch nur halb so viel aus. Um das Ganze zu erklären muss ich etwas ausholen. Um von Vancouver Island nach San Francisco zu kommen, hatten wir zwei nur 5 Tage Zeit. Wir haben nicht gewusst, dass uns eine Fähre direkt von Victoria nach Port Angeles (USA) hätte bringen können. Deswegen hatten wir eine Fähre zurück nach Vancouver, von dort einen Zug nach Seattle und anschließend wieder einen Mietwagen gebucht. Der Zug von Vancouver nach Seattle sollte um 5:35 Uhr fahren. Was für uns schwierig geworden wäre, wurde unmöglich als wir um 7 Uhr aufwachten und bemerkten, dass der Wecker nicht geklingelt hat. Zum Glück hatten wir unsere gute Laune wieder und fuhren erstmal entspannt mit dem Taxi zum Bahnhof. Der freundliche Herr am Schalter wollte unsere Tickets für den verpassten Zug sehen. Eventuell könne er die noch umbuchen. Völlig verwundert eröffnete er uns dann, dass wir Tickets für den Zug um 17:35 Uhr hätten und es keinen Zug um 5:35 Uhr gibt. Da mussten wir alle drei lachen. Mit diesem „a.m.“ und „p.m.“ kann man (Tina hat gebucht ;-)) schon mal durcheinanderkommen. ^^ Im Prinzip war das Verschlafen somit unser Glück. Wir konnten nun nämlich ausgeruht die Fahrkarten auf einen Bus um 9 Uhr umbuchen. Die Busfahrt war super entspannt und auch die Einreise in die USA kein Problem.

In Seattle angekommen waren wir jedoch wieder geschockt. Auf unserem Weg zur Mietwagenstation sahen wir nochmal mehr Obdachlose und gescheiterte Existenzen als schon in Vancouver. Es tut einfach weh durch so ein Land zu reisen und zu sehen, wie viele Menschen hier menschenunwürdig (über)leben müssen. Die Amerikaner selber scheinen da schon sehr abgestumpft zu sein, denn anders kann ich es mir nicht erklären, wie man täglich vorbei an so viel Elend auf seine Arbeit oder zum Einkaufen gehen kann. Auch der ständig und überall präsente Drogenkonsum lässt mich mein Leben in Deutschland mehr schätzen. Denn erst wenn man mal einige andere Länder bereist hat, wird einem bewusst in welcher Wohlfühlblase wir in Europa eigentlich leben. Tina und mir geht es zumindest so.

Kommen wir aber nun wieder zu den schönen Dingen. Denn auch davon gibt es hier mehr als genug. Wir sind wie gesagt von Seattle aus mit dem Mietwagen gestartet. Auf dem Weg nach SF haben wir noch ein paar Punkte abgeklappert, die in der kurzen Zeit möglich waren. Übernachtet haben wir jeweils ins Motels, die wir immer erst kurz vorher rausgesucht haben. Je nachdem wie weit wir eben gekommen sind. Der erste Stopp war Port Angeles (da wo wir auch mit der Fähre 2 Tage vorher hingekommen wären ;-). Von dort haben wir den Olympic Nationalpark besucht. Der noch immer nicht ganz geschmolzene Schnee verkürzte zwar unsere geplante Wanderung. Aber dafür war der Ausblick mit den schneebedeckten Gipfel und der klaren Sicht bis Vancouver Island traumhaft schön. Nächster Halt war das Örtchen Forks. Das kleine Nest diente als Vorlage für die bekannte Twilight-Reihe. Es ist der Ort mit der höchsten Niederschlagszahl in den ganzen Staaten und nur deshalb von der Autorin als Schauplatz ihrer Erzählung auserkoren worden. Stilecht hatten auch wir leichten Regen als wir ein paar Plätze in dem Dorf abklapperten. Ein ganz netter Zeitvertreib. Da wir keine Fans sind, aber auch nicht mehr. Mehr begeistert hat mich da schon die Hammond Marina. Sagt euch nichts? Auch nicht schlimm. Dort ist Free Willy in die Freiheit gesprungen. Zumindest wurde es dort gedreht. Tina macht zum Glück all meine Spinnereien mit. Also blieb es ihr auch nicht erspart über die ewig langen Wellenbrecher zu klettern, um die Szene nachzudrehen. Ich finde es ist uns gelungen…

Weiter ging`s den Highway 101 hinunter Richtung Süden. Dabei ist der Weg das Ziel gewesen. Der Highhway führt entlang der Pazifikküste und die Ausblicke sind teilweise schöner als die der Great Ocean Road in Australien. Wir hielten oft an und staunten über die tollen Steilküsten. Kürzere Zwischenstopps waren der Cannon Beach, die Oregon Dunes (riesige Sanddünen) und ein Strand an dem Tina ihren Drachen steigen lassen konnte. Ja wir haben einen Hello-Kitty-Drachen im Walmart gekauft. Tina lag mir bestimmt 2 Tage lang in den Ohren, aber dann hatte sie um so mehr Spaß dabei ihren 1,38 Dollar teuren Drachen in den teilweise sehr starken Wind zu halten. Einen ganzen Tag verbrachten wir noch im Redwood Nationalpark. Dort stehen die höchsten Bäume der Welt. Mit über 100 Metern ragen die Küsten-Sequoias in die Höhe. Da fühlt man sich als Mensch schon ziemlich mickrig daneben. Und wenn man dann noch darüber nachdenkt wie alt die Bäume sind und was die alles schon erlebt haben, da kommt einem das eigenen Leben wie ein Wimpernschlag vor. Das war sehr beeindruckend. Ebenfalls im Redwood NP kann man viele Roosevelt Hirsche sehen. Die liegen gemütlich auf den großen Wiesen rum und stören sich nicht wirklich an den Leuten und Autos um sie herum.

Ein letzter Stopp vor San Francisco musste aus musikalischer Sicht sein. Ich wollte unbedingt nach „Mendocino“. Natürlich auf Grund meiner Liebe zu deutschen Schlagern und vielen tollen Erinnerungen mit diesem Lied (Herrsching lässt grüßen). Tina machte das wie immer bereitwillig mit und ließ mir den Spaß, sie auf dem Weg nach Mendocino mit meinem Gesang zu quälen. Tatsächlich war Mendocino sehr gut besucht und wir wunderten uns über die vielen Touristen. Die können doch nicht alle wegen dem Lied da sein, dachten wir. Waren sie auch nicht. Mendocino ist an sich ein nettes kleines Örtchen mit einer schönen Steilküste. An der Küste fanden wir die idealen Bedingungen für Tinas Leidenschaft. Ihr Drachen stand so hoch in der Luft, dass sie die Schnur komplett auswickeln konnte. So sind wir letztendlich beide auf unsere Kosten gekommen.

Glücklich und zufrieden fuhren wir weiter nach San Francisco, wo wir am Union Square in unserem Hotel eincheckten und auf die Familie gewartet haben. Die Wiedersehensfreude war groß und nach 3 Tagen SF ging es über die Stationen Napa Valley, Lake Tahoe, Yosemite NP, Kings Canyon, Los Angeles, Joshua Tree NP, Grand Canyon nach Las Vegas. Ausführlicheres dazu, wie gesagt in Kürze. Jetzt probieren wir mal unser Glück in der Stadt der Sünde.

 

Bis die Tage,

Eure Weltenbummler